Freitag, 12. Oktober 2007 11:19

Die Senf-Gesellschaft




Das neue, das interaktive Web, das oft so buzzwordig Web 2.0 genannt wird, macht aus jedem Nutzer einen Produzenten, aus jedem Leser einen Schreiber, potenziell. Das ist ja zunächst einmal nichts Schlechtes, es ist vielleicht sogar vorsichtig positiv konnotiert: Meinungen, Diskussionen, Schaffensprozesse sind raum-zeitlich ungebunden, der Nutzer ist nicht mehr in siner Passivität den Medieninhalten ausgeliefert, er passt seinen Mediencocktail seinen Bedürfnissen an. Und quasi im Vorbeigehen schafft er neue Informationen. Seien es banale Klickstatistiken, aus denen hochtrabende Relevanzwerte abgeleitet werden wollen, oder seien es großflächig verteilte Meinungsäußerungen in Foren, Kommentaren und Userreviews. Irgendwen wird's schon interessieren.

Wayne zum Beispiel. Wenn Wayne etwas interessant findet, hat es gefälligst niemand sonst interessant zu finden. Wayne ist zu einer Metapher geworden, einem Signal für Belanglosigkeit. Natürlich rein subjektiv. Was für den einen wayne ist, kann für den anderen durchaus relevant sein. Theoretisch. Ansonsten ließen sich kaum die Unmengen von Meinungsäußerungen Meinungskundgaben im Web 2.0 erklären. Literaturkritiken hier, Userreviews dort, Filmbesprechungen links, Testberichte rechts. Jeder hat einen kleinen Reich-Ranicki in sich und im Internet kann der mal die Sau rauslassen.

Doch was bringen tausend Amateurkritiken? Kann der tausendunderste Rezensent etwas schreiben, was nicht die Tausend vor ihm schon geschrieben haben? »Meinungsvielfalt,« schreit jemand von hinten aus einer dunklen Ecke. Brauchen wir so viele Meinungen, so viel Senf? Offensichtlich!, denn würde es nicht gelesen, würde es auch nicht geschrieben werden. Es gibt eine scheinbar unendlich große Nachfrage nach Senf. Mancher Senf erfreut sich einer großen Beliebtheit, anderer ist sehr speziell, kann nur von wenigen wirklich verdaut werden. Aber das ist egal, denn jeder kann sich seine Geschmacksrichtung selber mischen. Und wenn's dann trotzdem noch nicht schmeckt, produziert man einfach selber neuen Senf. Guten Appetit!