Donnerstag, 30. November 2006 15:26

Real-Life-Cheating



In den allermeisten Computerspielen gibt es Cheats, geheime Kommandos, die der Spielfigur Unverwundbarkeit oder unendlich viel Munition verleihen. Neuerdings gibt es jetzt auch ein paar solcher Codes für unser echtes soziales Leben. Naja, zumindest für das selbsternannte Internet-Äquivalent zum echten sozialen Leben, das StudiVZ.

Der Don verfolgt in den letzten Wochen eine kleine Kampagne, alle großen und kleinen Sünden des Start-Up-Unternehmens aufzudecken. Investigativer Journalismus unter Bloggern, das kennen wir. Die "echte" Presse greift mittlerweile auch auf diese Entdeckungen zurück, als gäbe es einen neuen Waffenstillstand zwischen Bloggern und Journalisten. Ironischerweise blieb der beste Beitrag bislang unverkauft.

Aber das ist auch gar nicht das Thema. Also, wie gesagt, auf der Blogbar akkumulieren sich die Sicherheitslücken der Social-Networking-Software. Man lernt, wie man an als privat deklarierte Bildergalerien anderer Nutzer kommt. Man erfährt, wie man sich in Gruppen einlädt, deren Zugang eigentlich beschränkt sein sollte. Man wird unterrichtet, wie man Details über Nutzer herausfindet, die nur deren Freunden zugänglich sein sollten. Das ist zwar keine Unverwundbarkeit, aber ziemlich nah an einem Noclip-Cheat. Man sieht, was man nicht sehen sollte. Damit kann man keinen Endgegner besiegen, aber etwas Herumspionieren, eine kleine private Softpornosammlung erstellen und andere belästigen. Real-Life-Cheating!

Die allgemeine Reaktion: "Böses, böses StudiVZ!" Indes, die Agenda vom Don ist offensichtlich. Er veröffentlicht so viele Sicherheitslücken und Workarounds wie möglich, um das StudiVZ unter Druck zu setzen. Gleiches bei Jörg-Olaf-Schäfers. Würden diese Cheatcodes nicht veröffentlicht, wäre das StudiVZ zwar nicht sicherer per se, aber es gäbe weniger User, die derzeit über das Wissen verfügen, andere auszuspionieren. Und je mehr User diese Real-Life-Cheats beherrschen, desto unsicherer wird das StudiVZ zurzeit nunmal. Und desto berechtigter werden die Alarmsirenen der investigativen Blogger. Self-fulfilling prophecy. Sehr geschickt.

Mit diesem Beitrag und vor allem den Verlinkungen auf die betreffenden Blogs mache ich mich zu einem Mitschuldigen. Es könnte schließlich sein, dass ich damit auch ein paar Leser auf diese Cheats aufmerksam mache, die davon noch gar nichts wussten. Nun, die Geschichte ist nicht so einfach, wie sie klingt. Ich halte die Sicherheitslücken im StudiVZ ebenfalls für gefährlich. Von daher ist es sicherlich gut, dass man auf sie aufmerksam macht -- wie jetzt auch Ehsan und co. bemerkt haben. Ich halte es aber auch für gefährlich, naiv Bilder und persönliche Informationen in ein halb-öffentliches Netzwerk zu stellen. Wenn ich besorgt bin, ein zukünftiger Arbeitgeber könnte in einem solchen Netzwerk meine favorisierten Sexualpraktiken erschnüffeln, dann kann ich dafür nicht das Netzwerk verantwortlich machen, sondern hauptsächlich meine Naivität beim Einstellen dieser Details. Und das ach so selbstlose Zusammentragen von Programmierfehlern erscheint ein bisschen weniger heldenhaft, wenn wir uns überlegen, warum der Don das wohl mit dieser Vehemenz verfolgt: um sich einen Namen als Informationsmonopolist zu machen.

PS [21:00 Uhr]: Basic Thinking hat eben noch einen lesenswerten Beitrag zu einer möglichen Zukunft vom StudiVZ und den Einfluss der Blogger auf diese Entwicklung nachgereicht.


Kommentare
Ansicht der Kommentare: (Linear | Verschachtelt)

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Von zwei Problemen, den Bild-URLs und den problematischen Gruppen, wusste StudiVZ durch mich. Bevor ich irgendwas geschrieben habe. Die URLs wurden zum Feature erklärt, die Gruppen nicht angegangen.

Woher soll ich also wissen, dass ich nicht über Features schreibe?
#1 Don Alphonso (Homepage) am 30.11.2006 16:34 (Antwort)
Waffenstillstand zwischen Bloggern und Journalisten? Wann gabs denn einen Krieg?

Wohl keine Berufsgruppe bloggt so intensiv wie Journalisten, Neuigkeiten aus und über Blogs wurden von Medien immer wieder gerne genommen. Umgekehrt ebenso: zwar lästern viele Blogger gerne über "klassische Medien" - sie verlinken aber trotzdem drauf.

Wenn jemand etwas anderes behauptet, darfst Du ihn gerne als Wichtigtuer bezeichnen :-)
#2 Torsten am 01.12.2006 04:48 (Antwort)
Gerne werde ich dich in Zukunft zitieren, wenn es darum geht ;-)
#2.1 EmmJay (Homepage) am 01.12.2006 09:37 (Antwort)

Kommentar schreiben

Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

BBCode-Formatierung erlaubt